Lebenskunst

Unser dritter Tag in Philly war gefüllt mit Kunst. Morgens spazierten Steffi und ich nach Nordwesten und bewunderten den Mix aus kleinen und riesigen Gebäuden.
Wir waren noch beseelt von einem wunderbaren dinner bei Ann und Stuart, die Justin und die anderen Freiwilligen in diesem Jahr „adoptiert“ hatten. Wir waren gerührt von der Großherzigkeit und Gastfreundschaft, Klugheit und Charme dieses Ehepaars. Justin konnte mit ihrer Hilfe die USA und den Sport intensiv kennenlernen und die Meisterschaft der Eagels feiern.
Auf dem Weg zum Philadelphia Museum of Art kamen wir auch an der Kirche Peter und Paul vorbei. Gegenüber den ersten katholischen Kirchen inszenierte hier der Architekt und der Bischof die Verbundenheit mit Rom und einen Mystizismus. Draußen sprach mich ein Zeuge Jehovas mit deutschen Wurzeln an. Er lockte mich ins Gespräch mit der Bemerkung, Sex vor der Ehe sei Sünde. Wo steht das, war meine Frage. Darüber hat Jesus nie gesprochen. Er kam mit Unmoralität an, hm. Ich zitierte Luther: sündige tapfer und glaube tapferer und fragte, ob Jesus nicht mehr gegen die Macht des Geldes gewettert habe. Anyway.

Das Philadelphia Museum of Art wurde 1928 im neogriechischen Stil erbaut und macht den Musen-Tempel sinnfällig. Er zeigt wie die Kunst in Nordamerika und Europa zur Sinnstiftung des Bürgertums wurde. In ihm sind nicht nur alteuropäische Altarretabel, Portale, Kreuzgänge und Kammern nachgebaut, sondern auch hinduistische Tempel. Bildungsbeflissene der neuen Welt tauchen ein in die künstlerischen Exponate aus der ganzen Welt. Ein faszinierendes Konzept. Popkulturell wurde das Museum allerdings durch Stallone und Rocky bekannt.

Vier religiöse Bilder haben mich besonders angesprochen:

Kreuzigung von Rogier van der Weyden: wirkt modern und auf das wesentliche reduziert.

Verkündigung von Henry Tanner mit skeptischer Maria und Licht als Symbol des Göttlichen.
Flucht nach Ägypten und Jesus als Schmerzensmann (Girlandaio)

Viele Bilder der modernen Kunst sprachen mich besonders an. Sehr bewegend die Installation von Zoe Leonard strange fruits über die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens. James Siena‘s Werk bringt eine Spur von Transzendenz in den Raum und in den Betrachter. Matisse hat mich im Kunstunterricht beschäftigt und ich freue mich immer Werke aus verschiedenen Phasen zu sehen. Die Bilder von Marilyn M. machen einen Filmstar der fünfziger zur Ikone oder Pop-Heiligen, die 1000fach kopiert wird.

Wir liefen über den die 30. Street Station zurück, einem Bahnhof mit beeindruckender Architektur aus einer Zeit als Amerika nicht auf das Auto fixiert war. Justin holte lecker Essen bei einem Asiaten. Und dann sahen wir die Radler am River und den Laden.